Klage

Wehmut durchflutet mich, als ich beim Durchblättern meines alten Notizbuches folgenden Eintrag antreffe:

“Ich bin spät dran. Zu spät. Ich rase mit meinem Rad auf dem Weg parallel zu den Schienen entlang, als die Bahn mich überholt. Ich fahre weiter. Die Schranke beginnt sich zu öffnen und da ist sie – meine Chance. Mit zwei Stofftaschen am Lenker baumelnd, nassen Haaren und keuchendem Atem erhöhe ich die Geschwindigkeit minimal, den Punkt abpassend, an dem die rot-weiß gestreifte Schranke gerade hoch genug ist, um darunter durch zu fahren, aber doch so niedrig ist, dass die wartenden Autos noch nicht starten. Ganz nah am Abgrund des Bahnsteigs rase ich entlang, den aussteigenden Menschen höflich ausweichend und schlittere in einer eleganten Kurve, mit einem Fuß bremsend auf dem Boden schleifend in die Bahn hinein, während das rote Licht leuchtet. Die Sirene tönt. Die Türen schließen sich hinter mir.”

Und nun ist es weg. Mein Fahrrad, mein treuer Begleiter. Das silberne, dreißigjährige, attraktive Kettler-Sportrad mit dem hohen Sattel, den ein rotes Kreuz zierte. Zwei Klingeln hatte es. Keine davon funktionierte, aber eine sah aus wie ein Mariechenkäfer. Voll verkehrstauglich, aber vor allem schnell war es. Und jetzt stehe ich da und frage mich, wo mein Fahrrad nun liegt, denn einen Ständer hatte es nicht.